Wissen
Hintergründe und Neues aus der Forschung leicht verständlich erklärt
Licht ins Dunkel der Vorkommen von Fischchen gebracht
Siebert, Ina [Ina Siebert2] - 19. Jun 2026, 08:45
Zu den Urinsekten gehören die flügellosen Vertreter aus der Ordnung der → Fischchen (Zygentoma). Wahrscheinlich existiert diese Ordnung bereits seit 300 Millionen Jahren. Fischchen sind weltweit verbreitet mit etwa 280 Arten. 4 bis 5 sollen es laut Literatur in Mitteleuropa sein, wo sie mit Ausnahme des → Kleinen Ameisenfischchens (Atelura formicaria), das in Ameisennestern lebt, überwiegend in Gebäuden vorkommen.

Silberfischchen
(c) Beatrice Jeschke/NABU-naturgucker.de
(c) Beatrice Jeschke/NABU-naturgucker.de
Die bekanntesten Arten sind sicherlich → Silberfischchen (Lepisma saccharina) und → Papierfischchen (Ctenolepisma longicaudata). Erwachsene Individuen sind wie Larven nachtaktiv und äußerst lichtscheu. Optimale Bedingungen für das wärme- und feuchtigkeitsliebende Silberfischchen liegen bei 20 °C bis 30 °C und 80 % bis 90 % relativer Luftfeuchte. So sind sie etwa unter Kühlschränken und in gut geheizten Toilettenräumen finden. Im Freien leben sie zumindest im Sommer manchmal in Vogelnestern. Stärkehaltige Stoffe oder Dextrin in Klebstoffen bilden die Nahrung der Silberfischchen, das sind unter anderem Bucheinbände, Haare, Hausstaubmilben und Zucker. Daneben stehen Naturtextilien, Schimmelpilze, Kunstfasern, tote Insekten und eigene abgestreifte Haut auf ihrem Speisezettel. Einzelne Silberfischchen in Gebäuden sind für gewöhnlich harmlos. Dagegen kann ein starker Befall auf Schimmel oder ein Problem mit zu hoher Feuchtigkeit hindeuten. Krankheiten werden durch Silberfischchen nicht übertragen, sodass sie nicht aus Hygienegründen bekämpft werden müssen. Papierfischchen bevorzugen trockenes Klima mit circa 50 % relativer Luftfeuchte. Sie sind generell dort anzutreffen, wo sie ihre Hauptnahrungsquelle finden: Papier. Vor allem Papierlager, Bibliotheken, Archive und Museen werden von ihnen bewohnt.

Papierfischchen
(c) Mareike Possienke/NABU-naturgucker.de
(c) Mareike Possienke/NABU-naturgucker.de
Erstmals 1844 wurde in Paris in einem Gewächshaus die Spezies Nicoletia phytophila entdeckt und seitdem in Gewächshäusern in mehreren europäischen Ländern nachgewiesen. Vorkommen in der Natur sind aus Mittel- und Südamerika, Westafrika und von einigen pazifischen Inseln bekannt. Es wird vermutet, dass das für eine Art der Fischchen ungewöhnlich große Verbreitungsgebiet auf den Transport von Erde zurückgeht. Die Art pflanzt sich parthenogenetisch fort, sodass sie neue Lebensräume leichter besiedeln kann als Spezies, die sich sexuell fortpflanzen. Im Jahr 2019 ist die Fauna in 9 tropischen Gewächshäusern in der Schweiz untersucht worden. In den Tropenhäusern der Botanischen Gärten der Universitäten Basel und Zürich wurden erstmals für die Schweiz mehrere Individuen von Nicoletia phytophila gefunden.[1]

Kammfischchen
(c) Ursula Goenner/NABU-naturgucker.de
(c) Ursula Goenner/NABU-naturgucker.de
Die Kenntnisse über die Verbreitung und Ökologie der in der Schweiz vorkommenden Arten von Fischchen sind begrenzt. Für eine aktuelle Studie haben Forschende aus der Schweiz und Österreich anhand von Literaturrecherchen, Sammlungen und Beobachtungsdaten der Citizen Science in der internationalen Datenbank von GBIF.org 6 Arten dokumentiert. Zu den mitteleuropäischen Arten Kleines Ameisenfischchen, Silberfischchen und → Kammfischchen (Ctenolepisma lineata) kommen die nicht aus Mitteleuropa stammenden Spezies Papierfischchen, Geisterfischchen (Ctenolepisma phantasma) und Nicoletia phytophila. Diese Arten leben in Gebäuden und in Verbindung mit dem Menschen (synanthrop) und scheinen von unserer Lebensweise zu profitieren. Mit dem Klimawandel kann es Fischchen gelingen, sich auch im Freiland auszubreiten. Bei den Fischchen bestehen aufgrund ihrer versteckten Lebensweise, der schwierigen korrekten Artzuordnung und einer fehlenden systematischen Überwachung große Wissenslücken. Mit laufenden Erhebungen, dem Sammeln von Exemplaren und der Nutzung von Citizen Science-Daten kann die Verbreitung der Fischchen besser verfolgt werden.[2]
[1] → Gilgado, José & Bobbitt, Ian & Molero-Baltanás, Rafael & Braschler, Brigitte & Gaju-Ricart, Miquel. (2021). Erstnachweis von Nicoletia phytophila Gervais, 1844 (Zygentoma, Nicoletiidae) in Gewächshäusern in der Schweiz / First record of Nicoletia phytophila Gervais, 1844 (Zygentoma, Nicoletiidae) in greenhouses in Switzerland. 14. 113-116.
[2] Moser V, Szucsich N (2026) Zygentoma of Switzerland: Faunistic contribution with first records of Ctenolepisma longicaudatum and new occurrences of Atelura formicaria. Alpine Entomology 10: 79-87. DOI: → 10.3897/alpento.10.164953