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Gewinner und Verlierer in der Vogelwelt Deutschlands

Siebert, Ina [Ina Siebert2] - 1. Mai 2026, 08:54
75 bis 100 Millionen Vogelpaare brüten jährlich in Deutschland. Wie entwickeln sich die Bestände unserer Brutvögel und der rastenden Wasservögel? Ein Großteil der für diese Beurteilung notwendigen Daten kommt von ehrenamtlichen Vogelbeobachter*innen: An bundesweiten Monitoringprogrammen beteiligen sich aktuell rund 7.000 Personen. Auf der Plattform ornitho.de tragen rund 50.000 Menschen ihre Gelegenheitsbeobachtungen ein.
Nimmt in Deutschland zu: Bienenfresser, (c) Horst Engler/NABU-naturgucker.de
Nimmt in Deutschland zu: Bienenfresser
(c) Horst Engler/NABU-naturgucker.de
Aus diesen Daten haben der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) gemeinsam mit den Vogelschutzwarten der Länder, den ornithologischen Landesfachverbänden und dem Bundesamt für Naturschutz die Publikation "Vögel in Deutschland – Bestandssituation 2025“ erstellt. Sie listet rund 5.400 Einzelangaben zu Brutvögeln und rastenden, mausernden und überwinternden Wasservögeln auf.[1]
Geht stark zurück: Feldsperling, (c) Jutta Trentz/NABU-naturgucker.de
Geht stark zurück: Feldsperling
(c) Jutta Trentz/NABU-naturgucker.de
304 Brutvogelspezies stehen in der deutschen Artenliste. Am häufigsten sind → Amsel (Turdus merula), → Buchfink (Fringilla coelebs) und → Kohlmeise (Parus major). Nicht mehr unter den Top 20 ist der → Feldsperling (Passer montanus), der als ehemals weit verbreiteter und häufiger Brutvogel des ländlichen Raums vom dortigen Wandel der Landschaft stark betroffen ist. Er steht in Deutschland inzwischen auf der Vorwarnliste. Um seine Rückgänge besser zu erforschen, gibt es eine gemeinsame Meldeaktion von NABU|naturgucker und dem „Netzwerk Feldsperling“ von Dr. Eckhard Gottschalk (Naturschutzbiologie, Universität Göttingen), Prof. Michael Lierz (Direktor der Klinik für Vögel, Reptilien und Amphibien, Gießen) und Thomas Brandt (Ökologische Schutzstation Steinhuder Meer). Es können sowohl Beobachtungen über die Aktionsseite → Feldsperling & Co. eingetragen als auch tote Feldsperlinge eingesendet werden. Sie werden in Gießen auf Krankheiten und in der Universitätsklinik München auf Gifte untersucht.[2]
Vogel des Jahres 2026: Rebhuhn, (c) Rolf Jantz/NABU-naturgucker.de
Vogel des Jahres 2026: Rebhuhn
(c) Rolf Jantz/NABU-naturgucker.de
Auch weitere Arten der Agrarlandschaft gehen stark zurück, darunter das → Rebhuhn (Perdix perdix), → Vogel des Jahres 2026. Früher häufig in offenen Agrarlandschaften, ist es heute stark gefährdet und nur noch selten zu sehen. Durch die intensivierte Landwirtschaft, den Verlust von Hecken und Feldrainen sowie den Einsatz von Pestiziden hat das Rebhuhn Lebensraum und Nahrungsgrundlagen verloren. Wo es noch in größerer Zahl vorkommt, zeigt es, dass eine vielfältige und naturnahe Landwirtschaft möglich ist, die zugleich Lebensraum für viele andere Arten bietet. Um mehr über die aktuelle Situation des Rebhuhns herauszufinden, lädt NABUlnaturgucker auch hier zu Teilnahme an einer Beobachtungsaktion ein. Der hauptsächliche Projektzeitraum ist die Balzzeit im Februar und März, doch sind Rebhühner grundsätzlich ganzjährig in Deutschland anzutreffen. Die über die Aktionsseite → Rebhuhn & Co. oder allgemein auf dem Meldeportal eingetragenen Beobachtungen können von Fachleuten genutzt werden, um an lohnenden Stellen die dort vorkommenden Rebhühner detailliert zu kartieren. Die gesammelten Daten werden wissenschaftlich analysiert und tragen zur Entwicklung langfristiger Schutzmaßnahmen für das Rebhuhn und seinen Lebensraum bei.
Neuerdings ein Brutvogel in Deutschland: Seidensänger, (c) Nadine Röhnert/NABU-naturgucker.de
Neuerdings ein Brutvogel in Deutschland: Seidensänger
(c) Nadine Röhnert/NABU-naturgucker.de
Zu den Gewinnern gehören Spezies, die ihr Brutareal nach Norden ausdehnen und in Deutschland inzwischen in größerer Zahl vorkommen. Zwischen 1998 und 2022 haben beispielsweise → Bienenfresser (Merops apiaster), → Zaunammer (Emberiza cirlus) und → Wiedehopf (Upopa epops), → Vogel des Jahres 2022, zugenommen. 8 Arten haben zwischen 2017 und 2025 erstmals in Deutschland gebrütet. Gar als neue Brutvögel etabliert haben sich die → Zwergohreule (Otus scops), die von Südeuropa und Nordwestafrika bis Zentralasien verbreitet ist, und der → Seidensänger (Cettia cetti), der vom Mittelmeerraum bis in den Kaukasus verbreitet ist.
Als Brutvogel in Deutschland ausgestorben: Seggenrohrsänger, (c) Christoph Armbruster/NABU-naturgucker.de
Als Brutvogel in Deutschland ausgestorben: Seggenrohrsänger
(c) Christoph Armbruster/NABU-naturgucker.de
20 Spezies dagegen gelten bei uns als ausgestorbene Brutvögel. Zuletzt ist 2025 die → Zwergmöwe (Hydrocoloeus minutus) hinzugefügt worden, nachdem sie erstmals Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland gebrütet hat. In Europa gilt die Brutvogelart Eurasiens und Sibiriens als ungefährdet. 2023 ist der → Seggenrohrsänger (Acrocephalus paludicola) auf diese Liste gekommen. Auch in Mitteleuropa gibt es nur noch wenige Brutpaare der auf Seggenmoore und Seggenwiesen angewiesenen Spezies. Ihr Bestand nimmt für Europa insgesamt ab, weshalb sie als gefährdet gilt. Über die letzten Berichtsperioden des Vogelmonitorings in Deutschland ist die Dynamik der Veränderungen gewachsen. Im Zeitraum von 2010 bis 2022 haben die Bestände von 40 Prozent der Brutvogelarten zugenommen, während sie bei 30 Prozent zurückgegangen sind.
Überwintert in Deutschland in großer Zahl: Kolbenente, (c) Karin Herr/NABU-naturgucker.de
Überwintert in Deutschland in großer Zahl: Kolbenente
(c) Karin Herr/NABU-naturgucker.de
Für rastende und überwinternde Wasservogelarten hat Deutschland eine große Bedeutung: Bis zu 10 Millionen Individuen rasten hier. Tatsächlich ziehen weit mehr Vögel durch, da nie alle Individuen einer Rastvogelpopulation gleichzeitig anwesend sind. Bei über der Hälfte der Wasservogelarten nehmen die Rast- und Mauserbestände zu. Vor allem bei den Watvögeln, beispielsweise dem → Säbelschnäbler (Recurvirostra avosetta), sind die Zahlen jedoch rückläufig. Durch die milderen Winter verschieben sich die Rastgebiete, und die Bedeutung Deutschlands für die Überwinterung von Spezies wächst. Tatsächlich haben 70 Prozent der Wasservogelarten in den vergangenen 12 Jahren zugenommen. Bei 19 Spezies hält sich gar mehr als ein Drittel des Bestands der jeweiligen biogeographischen Population zeitweise in Deutschland auf. Das gilt beispielsweise für die → Kolbenente (Netta rufina) und den → Kranich (Grus grus). Die Zugzeiten des Kranichs im Februar und März sowie von September bis November sind die Haupt-Beobachtungszeiträume für die Meldeaktion → Kranich & Co. von NABUlnaturgucker. Die Auswertung der Daten zeigt, dass die Zahl der Frühjahrsbeobachtungen von Kranichen auf dem Meldeportal von NABU|naturgucker insgesamt tendenziell zunimmt. 2026 hat der Frühjahrszug der Kraniche ähnlich wie in den Jahren 2016 und 2018 besonders früh begonnen.[3] Mit den Ergebnissen des bundesweiten Vogelmonitorings werden Indikatoren fortgeschrieben, die Berichte nach der Vogelschutzrichtlinie erstellt und Analysen ermöglicht, die zum effektiven Schutz der Vogelwelt beitragen sollen. 


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