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Hintergründe und Neues aus der Forschung leicht verständlich erklärt
Gärten können großen Beitrag zur Biodiversität leisten
Siebert, Ina [Ina Siebert1] - 20. Mär 2026, 08:30
Etwa 17 Millionen private Gärten mit einer Fläche von rund 900.000 Hektar gibt es in Deutschland. Sie haben ein enormes Potenzial zur Förderung der biologischen Vielfalt. Naturnahe Gärten sind besonders wertvoll, denn sie können komplexe Lebensgemeinschaften beherbergen. Viele Arten können sie wie einen Trittstein nutzen, um sich auszubreiten, was sich positiv auf die genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren auswirkt.

Faulholzmotte Epicallima formosella, Erstnachweis für das Alpenvorland in Weilheim,
Rote Liste Bayern: Vorwarnliste
(c) Oskar Jungklaus/NABU-naturgucker.de
Rote Liste Bayern: Vorwarnliste
(c) Oskar Jungklaus/NABU-naturgucker.de
Bereits ein kleiner Garten kann einen großen Unterschied ausmachen, um die Biodiversität zu bewahren und zu fördern. Das bestätigt beispielsweise die Untersuchung eines rund 250 Quadratmeter großen, relativ isolierten Hausgartens im Innenstadtbereich der bayerischen Kreisstadt Weilheim. Es ist ein naturnah genutzter Garten mit einer zentralen Rasenfläche, Gebüschen und heckenartigen Gehölzen, wenn auch vorwiegend nicht aus Mitteleuropa, sowie großen Buchen auf dem angrenzenden Grundstück. Sonderstrukturen wie Teiche oder Mauern fehlen; Totholz ist im Untersuchungszeitraum eingebracht worden. In diesem Garten sind 1.083 Arten von Tieren, Gefäßpflanzen, Moosen, Flechten und Pilzen festgestellt und von Expert*innen der jeweiligen Organismengruppen bestimmt worden. Sie haben in den Jahren 2020 und 2021 zwischen April und November mit Handfängen, Abklopfen der Gewächse, Keschern und einzelnen Nachtfängen an Leuchttürmen die Vielfalt erfasst. Überwiegend handelte es sich bei den gefundenen Spezies um kleinwüchsige, in Deutschland weit verbreitete und nicht spezialisierte Arten. Aufgefallen ist die hohe Diversität und Individuenzahl von Arten aus dem Mittelmeerraum sowie von Neobiota. 44 der nachgewiesenen Spezies stehen auf der Roten Liste Bayern bzw. 46 auf der Roten Liste Deutschlands. Sogar sehr seltene Arten können also in Gärten ihren Lebensraum finden. Vor allem an den mitteleuropäischen Pflanzen sind viele Tierarten und Individuen nachgewiesen worden. Am häufigsten besucht wurden → Flockenblumen (Centaurea), → Schmetterlingsblütler (Fabaceae) und → Natternkopf (Echium). Mit einheimischen Pflanzen können sowohl die weltweite Vereinheitlichung des Artenspektrums als auch die Verbreitung von Neophyten verlangsamt werden.[1]

Mönchszikade im Biotop Postsiedlung in Darmstadt,
Rote Liste Deutschland: gefährdet
(c) Ina Siebert/NABU-naturgucker.de
Rote Liste Deutschland: gefährdet
(c) Ina Siebert/NABU-naturgucker.de
Im hessischen Darmstadt wird seit 2019 eine rund 2.000 Quadratmeter große Brachfläche in einem dicht bebauten Wohngebiet mit hiesigen Pflanzen in ein Biotop verwandelt. Geplant und umgesetzt hat das Projekt die bauverein AG als Vermieterin der Postsiedlung gemeinsam mit Anwohner*innen, städtischem Umweltamt und BUND Darmstadt.[2] Insbesondere zwei Anwohner dokumentieren und fotografieren die Artenvielfalt, die sich auf dieser Fläche einstellt. Dazu haben sie das Projekt → ArtenGarten Postsiedlung Darmstadt auf iNaturalist erstellt. Im November 2025 haben sie hier die Marke von mehr als 2.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten überschritten. Fast 90 Prozent der Beobachtungen sind Tiere, mit 1.559 Spezies zum größten Teil Insekten. Die Akteur*innen sehen das Biotop nicht nur als wertvollen Beitrag zur Artenvielfalt, sondern auch als ein großartiges Beispiel für nachbarschaftliches Engagement in diesem Bereich.[3] Ein ehrenamtliches Biotop-Team bietet Pflegeeinsätze, Führungen und Workshops für Kinder und Erwachsene an.[4] Die große Bedeutung solcher Flächen wird auch beim Blick auf die fortschreitende Versiegelung deutlich: Um durchschnittlich 50 Hektar pro Tag hat die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland in den Jahren 2021 bis 2024 zugenommen. Nicht alles davon ist tatsächlich versiegelt, denn auch Grün- und Freiflächen wie Gärten, Spielplätze und Parks sind in dieser Zahl enthalten. Bis zum Jahr 2030 soll der Anstieg im Vierjahres-Durchschnitt auf weniger als 30 Hektar pro Tag begrenzt werden. In der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie ist bis 2050 eine Flächenkreislaufwirtschaft vorgesehen, bei der netto keine weiteren Flächen für Siedlung und Verkehr beansprucht werden. Derzeit sind 14,6 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands Siedlungs- und Verkehrsfläche. Landwirtschaft und Wald bedecken mit 50,2 bzw. 29,9 Prozent den größten Teil der Landesfläche.[5]
[1] → Zehm, A., Blick, T., von Brackel, W., Bräu, M., Fuchs, H. & Guggemoos, T. (2024): 1.000 Arten im Garten – selbst kleine Hausgärten können zur Artenvielfalt beitragen. – Anliegen Natur 46(1): 63–74, Laufen
[3] → Zusammen in der Postsiedlung e.V.: Biotop: Mehr als 2000 verschiedene Arten (Tiere, Pflanzen und Pilze) im Postsiedlungs-Biotop beobachtet!
[4] → Zusammen in der Postsiedlung e.V.: Biotop: Unser neues Jahresprogramm 2026 mit vielen Angeboten ist erschienen!
[5] → Statistisches Bundesamt: Siedlungs- und Verkehrsfläche wächst jeden Tag um 50 Hektar, Zahl der Woche Nr. 03 vom 13. Januar 2026