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Rückgang der Biodiversität auf Schweizer Grasländern
Siebert, Ina [Ina Siebert2] - Heute, 08:45
Selten liegen Beobachtungsdaten von Tieren, Pflanzen oder Pilzen über mehrere Jahrzehnte vor, und noch seltener sind sie auf vergleichbare Art und Weise erhoben worden. In der Schweiz gibt es einen historischen Datensatz mit 580 präzisen Vegetationsaufnahmen von je einem Quadratfuß (0,3 Meter x 0,3 Meter). Sie stammen aus dem Zeitraum von 1884 bis 1931 und zeigen den damaligen Artenreichtum von Wiesen und Weiden in Höhen von 300 bis 2.500 Metern.

Eine von 85 heute seltener vorkommenden Arten: Frühlings-Enzian
(c) Josef Alexander Wirth/NABU-naturgucker.de
(c) Josef Alexander Wirth/NABU-naturgucker.de
Grasländer sind wichtige Lebensräume mit einer hohen Biodiversität, die allerdings durch die Veränderungen in der Landnutzung und den Klimawandel zurückgeht. Für den Schutz dieser Vielfalt ist es wichtig, nicht nur Veränderungen der Vegetationstypen, sondern auch der einzelnen Arten zu untersuchen und zu kennen. Forschende aus der Schweiz haben die Flächen aus dem historischen Datensatz in den Jahren 2021 und 2022 erneut untersucht und die Ergebnisse verglichen. So konnten sie die Veränderungen auf Artebene nachvollziehen.

Eine von 14 heute häufiger vorkommenden Arten: Wald-Storchschnabel
(c) Wolfgang Patczowsky/NABU-naturgucker.de
(c) Wolfgang Patczowsky/NABU-naturgucker.de
Spezies der Roten Liste waren in den historischen Daten zahlreicher und auf mehr Flächen verbreitet als bei der neuen Analyse. Insgesamt waren bei der neuen Betrachtung der Flächen nur 14 Arten signifikant häufiger verbreitet als früher, während 85 Arten früher häufiger dokumentiert worden sind. Vom Rückgang betroffen waren sowohl seltene als auch häufige Arten, die in Naturschutzstrategien oft weniger berücksichtigt werden. Seltener geworden sind insbesondere Spezies, die an nährstoffarme Bedingungen und kühlere Temperaturen angepasst sind. Bei 60 Arten hat sich die mittlere Höhenlage ihrer Verbreitung nach oben verschoben. Dies führen die Forschenden in erster Linie auf die intensive Landnutzung in niedrigeren Höhenlagen zurück. In den größeren Höhenlagen, in denen der Mensch weniger stark Einfluss nimmt, ist vermutlich der Klimawandel von stärkerer Bedeutung. Damit Bergregionen als Rückzugsgebiete für bestimmte Arten dienen können, müssen Grasländer besser geschützt und wiederhergestellt werden sowie die Eutrophierung begrenzt und der Klimawandel bekämpft werden.[1]
[1] Stefan Widmer, Susanne Riedel, Manuel Babbi, Felix Herzog, Thomas Wohlgemuth, Michael Kessler, Jürgen Dengler, A century of change: Many losers vs. few winners among Swiss grassland plants, Biological Conservation, Volume 315, 2026, 111679, ISSN 0006-3207. DOI: → 10.1016/j.biocon.2025.111679