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Hintergründe und Neues aus der Forschung leicht verständlich erklärt
Schwindende Farbvielfalt bei Mauereidechsen in Italien
Siebert, Ina [Ina Siebert2] - 16. Jan 2026, 08:45
Aus Südwesten und Süden wanderten die vor allem im Mittelmeerraum verbreiteten → Mauereidechsen (Pordarcis muralis) auch nach Deutschland ein. Ihre größte Verbreitung haben die Reptilien in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland; außerdem gibt es kleinere Vorkommen im bayerischen Inntal, im südlichen Nordrhein-Westfalen und in Südhessen. An zahlreichen weiteren Standorten in Deutschland sind sie aktiv angesiedelt worden.

Mauereidechse in Baden-Württemberg
(c) Bernd Kittlaus/NABU-naturgucker.de
(c) Bernd Kittlaus/NABU-naturgucker.de
Mauereidechsen bevorzugen offene, warme und steinige Lebensräume. Sie benötigen sowohl Plätze für ihre ausführlichen Sonnenbäder als auch zum Verstecken, zur Eiablage und als Winterquartier. Wo es derartige Stellen in der Landschaft nicht mehr gibt, nehmen die Tiere vom Menschen geschaffene Lebensräume an. Vielfach sind sie bei uns in Weinbergen, an Bahndämmen, in Steinbrüchen und Ruinen, auf Brachen sowie an Trockenmauern zu finden. Üblicherweise kommen Mauereidechsen im März aus der Winterruhe. Männchen erscheinen zuerst und kämpfen direkt miteinander um ihr Revier. Bei Sonne sowie ausreichenden Luft- und Bodentemperaturen können die Tiere ihre Winterruhe kurzzeitig unterbrechen. Hauptsächlich ernähren sie sich von sechs- und achtbeiniger Kost. Sie vertilgen aber auch andere Lebewesen wie Würmer und Schnecken, wenn sich diese leicht fangen lassen.

Mauereidechse in Rheinland-Pfalz
(c) Jürgen Podgorski/NABU-naturgucker.de
(c) Jürgen Podgorski/NABU-naturgucker.de
In mehreren Unterarten kommen diese Reptilien vor. Alle natürlichen südwestdeutschen Vorkommen gehören zur Unterart → Podarcis muralis subsp. brongniardii (Ostfranzösische Linie). Seit Ende des 19. Jahrhunderts sind Aussetzungen von Mauereidechsen in Deutschland dokumentiert. Sowohl innerhalb ihres natürlichen Areals als auch außerhalb werden seit rund 20 Jahren vermehrt gebietsfremde Vorkommen dokumentiert. Mehr als 110 derartige Mauereidechsen-Populationen aus acht verschiedenen genetischen Linien sind bis Ende 2019 bekannt gewesen. Überwiegend wurden sie gezielt angesiedelt; teils sind sie mit dem Güterverkehr in neue Gebiete gelangt. Sie können mit den ursprünglichen Mauereidechsen hybridisieren, wodurch das Erbgut und damit auch die lokalen Anpassungen der Tiere genetisch zurückgedrängt werden könnten. In Rheinland-Pfalz, wo die ursprüngliche Unterart noch sehr verbreitet ist, sollen Artenschutz-Maßnahmen daher vor allem auf diese Populationen ausgerichtet werden.[1]

Italienische Mauereidechse in der Region Latium
(c) Benjamin Franke/NABU-naturgucker.de
(c) Benjamin Franke/NABU-naturgucker.de
Im Aussehen sind Mauereidechsen sehr variabel, sodass es nicht leicht ist, die Unterarten zu erkennen und sicher zu unterscheiden. Die größten und kräftigsten Tiere sind die → Italienischen Mauereidechsen (Podarcis muralis subsp. nigriventris), die bislang vor allem in den Regionen Region Latium, Toskana, Ligurien und Emilia-Romagna verbreitet sind. Individuen dieser Unterart haben einen grünen Rücken und dunkle Köpfe. Unterseite und Kehle sind stark schwarzgefleckt. In Deutschland sind sie eher selten und vor allem in Süddeutschland angesiedelt worden.[2] Seit Millionen von Jahren haben männliche Mauereidechsen in den genetischen Hauptlinien eine weiße, gelbe oder orangefarbene Kehle. Damit gehen unterschiedliche Verhaltensweisen und Unterschiede in der Fortpflanzung einher. Die auch „Hulk“ genannte Eidechse der Unterart Podarcis muralis subsp. nigriventris, die größer ist und aggressiver auftritt, hat nur die weiße Kehlfarbe. Anhand einer Untersuchung von 220 Mauereidechsen-Populationen in Europa hat ein internationales Forschungsteam festgestellt, dass mit der Ausbreitung dieser weißkehligen Mauereidechsen gelbe und orangefarbene Kehlen verschwinden. Sie dominieren bereits die Populationen in mehreren Regionen. Untersuchungen des Genoms haben gezeigt, dass genetische Varianten verschwinden, die mit den anderen Kehlfarben assoziiert sind. Die Forschenden vermuten, dass es am aggressiveren Verhalten dieser Tiere liegt, durch das die Männchen bessere Territorien besetzen und sich bei der Partnerwahl durchsetzen können. Ihre Ergebnisse zeigen, wie das Auftreten eines neuen, durchsetzungsstärkeren Phänotyps die ausgleichende Selektion stören und dazu führen kann, dass eine seit Millionen von Jahren bestehende Vielfalt verschwindet.[3]
[1] → Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz: Mauereidechsen: heimisch oder gebietsfremd? Anleitung zur Bestimmung und zum Umgang mit allochthonen Mauereidechsen in Rheinland-Pfalz
[2] → Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz: Mauereidechsen: heimisch oder gebietsfremd? Anleitung zur Bestimmung und zum Umgang mit allochthonen Mauereidechsen in Rheinland-Pfalz
[3] Tobias Uller et al., Adaptive spread of a sexually selected syndrome eliminates an ancient color polymorphism in wall lizards. Science 391, 64-68 (2026). DOI: → 10.1126/science.adx3708