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Hintergründe und Neues aus der Forschung leicht verständlich erklärt
Rabenkrähen können schneller entscheiden als Menschen
Siebert, Ina [Ina Siebert2] - 30. Okt 2026, 08:15
Bei der Wahl zum Vogel des Jahres von NABU und LBV gehörte mit dem → Kolkraben (Corvus corax) auch ein Vertreter der Familie der → Raben und Krähen (Corvus) zu den Kandidaten. Für das Siegertreppchen hat es zwar nicht gereicht, aber dafür sorgt nun die → Rabenkrähe (Corvus corone) für Aufmerksamkeit: In einer Untersuchung der Universität Tübingen haben zwei Rabenkrähen doppelt so schnelle Entscheidungen getroffen, wie es Menschen und Affen bei dieser Untersuchung tun.

Rabenkrähe
(c) Angelika Nijhoff/NABU-naturgucker.de
(c) Angelika Nijhoff/NABU-naturgucker.de
Rabenkrähen sind in Deutschland sehr verbreitet und ein vertrauter Anblick. Sowohl bei der Wahl ihrer Lebensräume als auch der Nahrung sind sie sehr flexibel und anpassungsfähig. Ursprünglich vor allem in halboffenen und offenen Landschaften verbreitet, erreichen sie inzwischen in Ballungsräumen oft größere Dichten der Brutreviere. Auf dem Speiseplan stehen, je nach Jahreszeit und Region, Insekten und Regenwürmer, kleine Wirbeltiere, Aas, Vogeleier, Getreide und Samen, Beeren und Früchte, Nüsse und auch Abfälle. Die geselligen Vögel sind sehr intelligent und lernfähig. Verschiedene Arten der Gattung Corvus verstecken Nahrung für einen späteren Zeitpunkt und ändern das Versteck, wenn sie dabei von Artgenossen beobachtet worden sind. Gezielt werfen sie Nüsse auf Straßen, damit sie von darüberfahrenden Autos geknackt werden, oder stellen Werkzeuge her, um (besser) an Nahrung zu gelangen. Auch können sie sich Gesichter von Menschen merken und diese selbst nach Jahren wiedererkennen.

Rabenkrähe
(c) Peter Reus/NABU-naturgucker.de
(c) Peter Reus/NABU-naturgucker.de
Das Gehirn der Vögel unterscheidet sich strukturell stark von dem der Säugetiere. So haben sie keinen präfrontalen Kortex, in dem Säugetiere Informationen analysieren und verknüpfen. Insbesondere Krähenverwandte und Papageien erbringen dennoch hochentwickelte, kognitive Leistungen. Forschende der Ruhr-Universität Bochum erklären das mit der hohen Anzahl von Nervenzellen im Gehirn und einer Region, die dem präfrontalen Kortex ähnelt und bei intelligenten Vögeln besonders groß ist. Vögel wie Säugetiere können ständig auf Situationen und Entscheidungen reagieren, weil sie über den Neurotransmitter Dopamin Rückmeldungen hierzu bekommen. Zudem besitzen Vögel ein ähnliches Arbeitsgedächtnis wie Säugetiere, um sich mehrere Informationen gleichzeitig zu merken. Diese neuronalen Merkmale scheinen sich bei Vögeln und Säugetieren in der Evolution parallel und unabhängig voneinander entwickelt zu haben.[1].

Rabenkrähen
(c) Jürgen Podgorski/NABU-naturgucker.de
(c) Jürgen Podgorski/NABU-naturgucker.de
Zu welch schnellen Leistungen Krähen fähig sind, haben Forschende der Universität Tübingen jüngst untersucht. In einer Studie sollten zwei Rabenkrähen erkennen, in welche Richtung sich Punktmuster auf einem Bildschirm bewegen. Dabei trafen sie nach durchschnittlich 235 Millisekunden ihre Entscheidung – und damit doppelt so schnell wie Menschen oder Affen bei vergleichbaren Untersuchungen. Bereits 70 Millisekunden nach Beginn des Reizes feuern richtungsselektive Neuronen in ihrem Gehirn. Ein genauer Blick auf die neuronalen Abläufe zeigt eine hohe Effizienz der Entscheidungsstruktur. Vögel müssen insbesondere im Flug schnelle Entscheidungen treffen können, was diese visuelle und motorische Reaktionsfähigkeit evolutionär notwendig gemacht haben könnte.[2]
[1] Güntürkün O., Pusch R., Rose J., Why birds are smart. Trends in Cognitive Sciences, 2023; 28, 197-209. DOI: → 10.1016/j.tics.2023.11.002
[2] Philipp Schmidbauer, Andreas Nieder, Ultrarapid decision-making in an avian brain. Science 394, 445 - 449 (2026). DOI: → 10.1126/science.aed6459