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Hintergründe und Neues aus der Forschung leicht verständlich erklärt
„Schöne“ Schmetterlinge werden oft besser geschützt
Siebert, Ina [Ina Siebert2] - 16. Okt 2026, 08:30
Rund 3.700 Schmetterlingsarten kommen in Deutschland vor. Gerade einmal 184 davon sind Tagfalter. Alle anderen gehören zu den Nachtfaltern, die den meisten Menschen nur wenig bekannt sind. In Aussehen und Größe unterscheiden sich die hiesigen Schmetterlingsarten enorm. Gemeinsam sind ihnen bis auf wenige Ausnahmen die 4 mit Schuppen bedeckten Flügel, bei denen es sich um umgebildete Haare handelt. Ihr Ordnungsname Lepidoptera kommt aus dem Griechischen und bedeutet Schuppenflügler.

Dunkler Wiesenknopf-Ameisenbläuling: gefährdet, Schmetterling des Jahres 2026
(c) Peter Weiser/NABU-naturgucker.de
(c) Peter Weiser/NABU-naturgucker.de
Schmetterlinge sind in Deutschland außer bei Frostwetter das gesamte Jahr über zu entdecken. Ihre Vielfalt ist im Sommer am größten, aber es gibt Spezies, die als Falter überwintern und in milden Winternächten aktiv sind. Raupen sind ebenfalls praktisch das gesamte Jahr über in unserer Natur präsent. Viele Schmetterlingsarten sind auf spezielle Nahrungspflanzen für ihre Raupen angewiesen und leben nur dort, wo diese wachsen, während generalistische Arten sogar im städtischen Raum Nahrung finden können. Als erwachsene Individuen nehmen zahlreiche Schmetterlinge Nektar zu sich, manche saugen an Früchten, Fallobst oder feuchten Stellen im Boden sowie an Exkrementen, um Flüssigkeit und Mineralstoffe aufzunehmen. Ferner gibt es Spezies, die im erwachsenen Lebensabschnitt keine Mundwerkzeuge haben und keine Nahrung zu sich nehmen. Raupen ernähren sich meist von Pflanzenteilen, einige wenige fressen Tiere, darunter kleinere Raupen. Als Raupen durchlaufen die Tiere mehrere Stadien (in den meisten Fällen 5) inklusive Häutungen. Die Umwandlung zum Schmetterling erfolgt in einer Puppe. Je nach Art überwintern die in Deutschland vorkommenden Schmetterlinge als Ei, Raupe, Puppe oder erwachsenes Individuum.

Eichenwald-Winkeleule: vom Aussterben bedroht
(c) Patrick Helpap/NABU-naturgucker.de
(c) Patrick Helpap/NABU-naturgucker.de
Die Gefährdung der in Deutschland vorkommenden Schmetterlinge wird in mehreren Roten Listen erfasst.
- 207 etablierte Spezies sind es in der Roten Liste der Tagfalter und Widderchen. 93 von ihnen sind bestandsgefährdet, 51 stark gefährdet und 27 gefährdet. Lediglich ein Drittel dieser Arten wird derzeit als ungefährdet bewertet.[1]
- Unter den Eulenfaltern, Trägspinnern und Graueulchen gelten 553 Spezies als etabliert. In der Roten Liste sind 530 von ihnen bewertet. 28 Prozent gelten als bestandsgefährdet, 54 Prozent werden als ungefährdet eingestuft.[2]
- 448 Spezies zählen in Deutschland zu den Spannern, Eulenspinnern und Sichelflüglern. 440 sind für die Rote Liste bewertet worden. 25 Prozent sind als bestandsgefährdet eingestuft worden, 57 Prozent als ungefährdet.[3]
- Die Rote Liste der Spinnerartigen Falter betrachtet Spinner und Schwärmer, die keine einheitliche Artengruppe sind. Von 260 vorkommenden Arten sind hier 250 auf ihre Gefährdung hin untersucht worden. 31 Prozent gelten als bestandsgefährdet, 25 Prozent als ungefährdet.[4]
- 273 Arten umfasst die Rote Liste der Zünsler. Von ihnen sind 38 Prozent bestandsgefährdet und nur 43 Prozent ungefährdet.[5]
Hauptsächlich sind die Schmetterlinge durch den Verlust und die Veränderung von Lebensräumen gefährdet.

Im Naturschutz gibt es häufig ein Ungleichgewicht: Arten, die wir als schön wahrnehmen, stehen eher im Fokus als die (vermeintlich) unscheinbareren. Ein internationales Team mit Beteiligung von Wissenschaftler:innen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) hat diese Verzerrung für Schmetterlinge untersucht. Dazu haben sie die Ergebnisse einer groß angelegten Umfrage zur wahrgenommenen Schönheit europäischer Schmetterlinge mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, den Schutzbemühungen und der Naturschutzgesetzgebung abgeglichen. 21.000 Menschen aus 100 Ländern haben anhand von Fotos bewertet, welche Schmetterlinge sie als schön empfinden. Wenig überraschend, lagen Schmetterlinge mit leuchtenden Farben und kontrastreichen Mustern vorn. Sie erhalten auch mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit sowie der Forschung. Ebenso sind die ansprechenderen Arten überrepräsentiert in der Berner Konvention von 1979 zur Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume sowie in der Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie der Europäischen Union von 1992. Diese Rahmenwerke dienen als Leitlinien für Förder- und Managementmaßnahmen, weshalb die Bevorzugung der attraktiven Arten zu langjährigen institutionellen Mustern in der Schmetterlingsforschung und im Artenschutz beigetragen hat. In den nationalen und europäischen Roten Listen gibt es diese Verzerrung nicht, denn hier werten die Arten nach festen Kriterien zu ihrer Verbreitung und ihrem Rückgang bzw. ihrer Zunahme bewertet. Es besteht also ein Spannungsverhältnis zwischen wissenschaftlichen Einschätzungen des Aussterberisikos und historisch gewachsenen Prioritäten im Naturschutz. Um den Naturschutz auf die tatsächliche ökologische Dringlichkeit besser abzustimmen, sollte diese Verzerrung zugunsten „schöner“ Arten stärker berücksichtigt werden.[6]
[6] Dapporto L, Mouquet N, Bruschini C et al. Beauty bias in butterfly research and conservation. Current Biology, 2026; 36, 4520-4529.e7. DOI: → 10.1016/j.cub.2026.07.049